Hirnanhangdrüse (Hypophyse)

Die Hirnanhangdrüse

Die sogenannte Hypophyse (oder auch Hirnanhangdrüse) ist trotz ihrer geringen Grösse ein wichtiges übergeordnetes Organ, das im vorderen Teil der Schädelbasis (siehe Darstellung) liegt. Über die Produktion verschiedenster Hormone kontrolliert und steuert die Hypophyse untergeordnete Drüsen wie Schilddrüse, Nebennieren oder Eierstöcke/Hoden. Funktionsstörungen der Hypophyse sind insgesamt eher selten, können aber verschiedenste Ursachen haben. Teilweise können sich lebensbedrohliche Auswirkungen entwickeln.

Eine Überproduktion bzw. ein Mangel an Hormonen kann durch eine ausführliche Befragung durch den Endokrinologen und eine eingehende körperliche Untersuchung erkannt werden. Eine zusätzliche Laboranalyse des Blutes hilft die Diagnose zu sichern. Die Hormonstörung kann dann gezielt behandelt werden.

Bei Verdacht auf eine Erkrankung der Hypophyse wird eine komplette und umfangreiche hormonelle Labor-Diagnostik durchgeführt. Bestätigt sich der Verdacht auf eine bestimmte Erkrankung, wird in der Regel eine weitere, bildgebende Diagnostik (z.B. MRI) veranlasst.

Nach einer eventuellen Hypophysen-Operation überwacht das Hormon Zentrum Zürich die Hormonersatztherapie im Fall einer Unterfunktion. Über die Gabe oder Injektion von bestimmten Substanzen (z.B. übergeordnete Hormone) kann bei Bedarf in sogenannten "Funktionstests" die Reaktionsfähigkeit der Hypophyse überprüft werden. Je nach Verlauf und Diagnose kann dies eine oder mehrere Hormonachsen betreffen, manchmal nur passager, manchmal lebenslang. Im langfristigen Verlauf muss auch kontrolliert werden, ob eine erneutes Tumorwachstum bzw. eine allfällige Hormonüberproduktion nicht wieder auftritt.

Im Hypophysenvorderlappen werden Hormone gebildet, die einerseits auf periphere, Hormon-produzierende Organe Einfluss nehmen (GH, TSH, ACTH, LH/FSH) und andererseits direkt am peripheren Gewebe wirken (GH, Prolaktin).

TSH (=Schilddrüsen-stimulierendes Hormon)

Es steuert die Schilddrüse bezüglich der Produktion von Schilddrüsenhormonen und reguliert somit den Stoffwechsel. Eine Schilddrüsen-Unterfunktion führt zu Gewichtszunahme, Verstopfung, stumpfen Haaren, trockener Haut, Kälteintoleranz, Müdigkeit und Gemütsschwankungen. Bei einer Überfunktion beklagen Betroffene vor allem Durchfall, Gewichtsabnahme, Haarausfall, Wärmeintoleranz bzw. übermässiges Schwitzen und Herzrasen.

ACTH (=Nebennierenrinden-stimulierendes Hormon)

Dieses steuert vor allem die Bildung unseres „Stresshormons“ Cortisol in der Nebennierenrinde. Bei einem Mangel an Cortisol kommt es nebst einem „Leistungsknick“ aufgrund von Störungen im Salz- und Wasserhaushalt zu starken Kreislaufstörungen (Schwindel, „Schwarzwerden“ vor den Augen, Kollaps). Ebenso werden Übelkeit, Erbrechen und Unterzuckerungen angegeben. Bei der Überproduktion von Cortisol klagen Patienten über eine schnelle Gewichtszunahme innert kurzer Zeit, einen hohen Blutdruck, einen roten Kopf, Kopfschmerzen und rötlich verfärbte Geweberisse am Körper.

LH (=luteinisierendes Hormon) und FSH (=Follikel-stimulierendes Hormon)

Dies sind die so genannten Geschlechtsdrüsen-stimulierenden Hormone. Sie sind einerseits für die Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale verantwortlich, andererseits steuern sie bei der Frau die Eierstockfunktion (Reifung der Eizellen, Eisprung) und Bildung der weiblichen Hormone (Östrogen, Progesteron). Beim Mann wird die Testosteronproduktion und Spermienbildung im Hoden reguliert. Besteht ein Mangel an LH/FSH leidet die Frau unter Zyklusstörungen, d. h. unregelmässigen bis fehlenden Monatsblutungen und sexueller Unlust. Männer beklagen Erektions- und Potenzstörungen nebst sexueller Unlust. Im Verlauf kann auch die Körperbehaarung zurückgehen.

GH (=Wachstumshormon)

Das GH wirkt direkt und via Leber (IGF-1) auf den Stoffwechsel, die Körperfettverteilung, die Muskulatur und das Wachstum. Bei einem Überschuss an Wachstumshormon finden wir unter Jugendlichen überdurchschnittlich grosse Menschen (Gigantismus), Erwachsene fallen mit extrem grossen Akren (Händen, Füsse, Nase, Zunge) auf. Ein Mangel an GH wirkt sich bei Kindern als fehlendes Körperlängenwachstum aus, sie sind sehr klein. Bei Erwachsenen sind die Symptome oft wenig ausgeprägt, es kann zu einer Zunahme des Körperfettes und Abnahme der Muskelmasse kommenzu fahler Haut und Leistungsminderung.

Prolaktin

Dieses Hormon fördert direkt das Brustwachstum und die Milchproduktion. Bei einer vermehrten Bildung kann es zu Milchfluss kommen, Frauen beklagen Zyklusstörungen, während Männer an sexueller Unlust und Impotenz leiden.

Hormon-inaktives Hypophysenadenom

Hypophysenadenome sind gutartige Tumoren der Hirnanhangsdrüse, die sehr langsam wachsen. Etwas ein Drittel aller Tumore der Hirnanhangsdrüse werden als „hormoninaktiv“ bezeichnet. Sie produzieren definitionsgemäss keine Hormone, d.h. sie verursachen keine Beschwerden, die durch einen Hormonüberschuss bedingt sind.

Beschwerden

Oft werden diese Tumore zufällig entdeckt bei einer Bildgebung des Kopfes (MRI oder CT) aus einem anderen Grund. Sie verursachen im Normalfall keinerlei Beschwerden. Bei jedem zufällig entdecktem Hypophysenadenom sollte eine umfassende Untersuchung der Hormone beim Endokrinologen erfolgen, um Störungen im Hormonaushalt auszuschliessen.

Bei grösseren Adenomen (Makroadenom grösser als 1cm Durchmesser) kann es zum Druck durch die Ausdehnung des Tumors auf umliegende Strukturen kommen. Das kann zu Sehstörungen (Gesichtsfeldausfällen), Kopfschmerzen, Übelkeit oder Hormonmangelerscheinungen der Hirnanhangsdrüse (Hypophyseninsuffizienz) führen.

Therapie

Wenn Beschwerden bestehen, ist zur Behandlung eine operative Entfernung des Tumors angebracht und ein Ersatz der ausgefallenen Hormone. Die Mehrheit der Patienten ist bei einer Zufallsdiagnose und bei einer Tumorgrösse kleiner als 1cm Durchmesser aber beschwerdefrei. Bei kleinen hormoninaktiven Adenomen reicht es, regelmässige Kontrollen des Hormonhaushaltes und der Bildgebung durchzuführen zur Überwachung des Verlaufes.

Prolaktinom

Ein Prolaktinom ist ein gutartiger, langsam wachsender Tumor der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse). Die Zellen des Tumors produzieren das Hormon Prolaktin. Prolaktin ist normalerweise wichtig für das Wachstum der mütterlichen Brust in der Schwangerschaft und für die Milchproduktion in der Stillzeit.

Beschwerden

Eine krankhafte Überproduktion diese Hormons kann bei Frauen zu ungewolltem Milchfluss, Brustspannen, Zyklusstörungen und Unfruchtbarkeit führen. Bei Männern treten Impotenz, Abnahme der sexuellen Lust und Unfruchtbarkeit auf. Gelegentlich kann es auch bei Männern zu einer Vergrösserung der Brustdrüse kommen mit einem Milchfluss aus der Brust.

Therapie

Die Mehrheit der betroffenen Patienten kann mit Medikamenten zur Unterdrückung der Prolaktinproduktion erfolgreich behandelt werden. Durch die Medikamente kommt es neben der Normalisierung des Prolaktinspiegels im Blut meist auch zu einer Verkleinerung des Tumors in der Hypophyse.

Bei grossen Prolaktinomen (über 1cm Durchmesser) können durch die Verdrängung von umliegenden Strukturen weitere Beschwerden auftreten wie Sehstörungen (Gesichtsfeldausfälle), Kopfschmerzen, Übelkeit oder Hormonmangelerscheinungen der Hirnanhangsdrüse (Hypophyseninsuffizienz). Auch in diesen Fällen führt die medikamentöse Behandlung meistens zur Normalisierung des Prolaktinspiegels und einer Verkleinerung des Adenoms.

Morbus Cushing

Von der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) wird zuviel ACTH ausgeschüttet. Der erhöhte ACTH-Spiegel stimuliert des lebenswichtiges Stress-Hormons Cortisol, welches in der Nebennierenrinde produziert wird.

Symptome

Die Beschwerden einer Cortisol-Überproduktion sind oft diffus und ähneln zum Teil anderen Krankheitsbildern. Insbesondere kommt es zu einer Zunahme des Fettgewebes mit einer Veränderung der Verteilung im Unterhautfettgewebe, mit den typischen Präsentationen von Büffelnacken, Vollmondgesicht und Stammfettsucht. Oft kommt es auch neben einer deutlichen Gewichtszunahme zu einer Muskelschwäche, einer Störung des Blutzucker-Stoffwechsels bis hin zum Diabetes, einem Bluthochdruck und diffusen Skelettschmerzen.

Diagnostik

Die Diagnose einer Cortisol-Überproduktion (Cushing-Syndrom) ist komplex und bedarf nebst einem ausführlichen Patientengespraech und einer körperlichen Untersuchung diverser Laboruntersuchungen (Blutentnahme, 24h-Urinsammlung, Speichel-Cortisol Dexamethason-Hemmtest). Ist das Cushing Syndrom einmal gesichert, so muss in einem nächsten Schritt die Ursache eruiert werden, d.h. es muss geklärt werden, ob die Cortisol-Ueberproduktion durch eine vermehrte ACTH-Produktion aus der Hypophyse bedingt ist, von einem Tumor in einem anderen Organ stammt, oder direkt aus der Nebenniere kommt. Hierzu sind weitere Laboruntersuchungen und bildgebende Verfahren notwendig, deren Interpretation einer breiten Erfahrung bedarf.

Therapie

Ein hypophysärer Cushing mit nachweisbarem Hypophysenadenom in der Bildgebung wird mit einer Operation der Hypophyse behandelt. Nur bei unbefriedigendem Operationsresultat oder Inoperabilität wird eine medikamentöse Behandlung durchgeführt.

Akromegalie

Akromegalie ist eine sehr seltene Erkrankung mit einer Überproduktion des Wachstumshormons (Growth Hormone, GH) im Erwachsenenalter. Das Wachstumshormon wird in Zellen der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) gebildet. Bei der Akromegalie erfolgt eine vermehrte Ausschüttung des GH durch einen gutartigen, langsam wachsenden Tumor der Hypophyse.

Symptome

Beschwerden treten nur sehr schleichend auf, die Erkrankung bleibt oft über viele Jahre unerkannt. Allgemeine Beschwerden sind Kopfschmerzen, starkes Schwitzen oder eine erhöhte Tagesmüdigkeit. Durch den langfristigen GH-Überschuss kommt es zu einer Zunahme des Knochen-und Knorpelwachstums und einem Wachstum der inneren Organe, Hände und Füsse werden grösser, die Gesichtszüge werden gröber, die Gelenke können schmerzen, ein Karpaltunnelsyndrom kann auftreten und es kann neu ein Schnarchen auftreten durch ein Wachsen des Gaumensegels. Bluthochdruck, Störungen des Fett-und Zuckerstoffwechsels treten ebenfalls auf.

Diagnostik

Zur Entdeckung der Akromegalie ist eine Bildgebung der Hypophyse und eine Abklärung des Hormonhaushaltes mittels eines Glucosetoleranz-Testes (Zuckerbelastungs-Test) notwendig.

Diabetes insipidus

Diabetes insipidus zentralis

Hier liegt eine Störung im Bereich des Hypophysenhinterlappens (Hirnanhangsdrüse) oder des Hypothalamus vor. Dieses Krankheitsbild kommt durch ein Störung des antidiuretischen Hormons (ADH) zustande. Es kommt zu einem Fehlen oder einer unzureichenden Produktion des ADH, einem fehlenden Transport des ADH vom Hypothalamus über den Hypophysenstiel in die Hypophysenhinterlappen oder einem Fehlen der Speicherung oder einer ausbleibenden Sekretion des ADH im Hypophysenhinterlappen.

Das ADH wirkt in der Niere antidiuretisch – es wirkt der Harnausscheidung entgegen – und führt zur Bildung eines konzentrierteren Urins.

Diabetes insipidus renalis

Bei der seltenen Form des renalen Diabetes insipidus liegt der Defekt in der Niere, die trotz Anwesenheit des Hormons ADH keinen normal konzentrierten Harn bilden kann, da der für die Rückresorption des Wassers aus dem Primärharn nötige Kanal defekt ist bzw. fehlt oder da die Nierentubuli durch chronische Nierenerkrankungen oder Medikamente zu stark geschädigt sind.

Beschwerden bei beiden Formen

Die Niere scheidet vermehrt Wasser aus. Wenn Wasser nicht genügend durch Trinken ersetzt wird, kommt es zu einer Konzentrierung von Natrium im Blut (Hypernatriämie). Typischerweise liegt das Trinkvolumen pro Tag über 5 Litern, auch nachts kommt es zur vermehrten Urinproduktion mit Durstgefühl.

Behandlung

Nach Durchführung der Diagnostik wird beim zentralen Diabetes insipidus das fehlende Hormon ADH ersetzt in Form von Nasenspray oder Tabletten. Das ADH gelangt ins Blut und mit dem Blut zu den Nieren.

Beim renalen Diabetes insipidus ist die Therapie schwieriger. Eine erhöhte Flüssigkeitszufuhr ist hier zwingend notwendig. Außerdem können bestimmte Diuretika hilfreich sein.

Hypophyseninsuffizienz

Durch Tumore, Verletzungen, Entzündungen oder andere schädigende Faktoren kann die Funktion der Hypophyse mit Hormonbildung-und Ausschüttung gestört werden. Der Ausfall einer oder mehrerer Achsen äussert sich mit unterschiedlichen Beschwerden:
  • GH-Mangel (Erwachsene): langfristig Anstieg der Fettmasse mit gleichzeitigem Verlust der Muskelmasse und Knochensubstanz. Gehäuft kommt es zu Depressionen, Energiemangel und einem Verlust an Lebensqualität.
  • TSH-Mangel: Schilddrüsenunterfunktion mit Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Gewichtszunahme, Verstopfung, Kreislaufproblemen, Depression.
  • ACTH-Mangel: mangelnde Stimulation der Nebennierenrinde zur Produktion von Cortisol. Bei Cortisol-Mangel kommt es zur Schwäche, Müdigkeit, Gewichtsverlust, tiefem Blutdruck mit Schwindel, Übelkeit und ev. Unterzuckerung. In Belastungssituationen kann der Mangel lebensbedrohlich sein.
  • LH/FSH-Mangel: Ein Ausfall der Sexualhormon-Achse führt zur Minderproduktion der Sexualhormone in den Eierstöcken bzw. Hoden mit nachfolgendem Mangel an Oestrogen bzw. Testosteron. Bei Frauen im gebärfähigem Alter kommt es zu Zyklusstörungen, bei Männern kommt es zum Potenz-und Libido-Verlust. Frauen in der Menopause haben keine Beschwerden.
  • ADH-Mangel: Der Wasserhaushalt des Körpers wird nicht mehr reguliert, es kommt zu einer stark gesteigerten Urinmenge tags und nachts mit entsprechend starkem Durst.
Die Untersuchung auf einen Hormonmangel ist anspruchsvoll. Oft ist es notwendig spezielle dynamische Stoffwechseltests durchzuführen mit einem gewissen Aufwand an Zeit für Patienten und medizinischem Personal. Da im Falle eines Hormonmangels auch ein Tumor der Hypophyse der Auslöser sein kann, erfolgt eine Bildgebung der Hypophyse zur Klärung der Ursache.

Therapie

Je nach Bedarf werden die ausgefallenen Hormone ersetzt. Die individuelle Anpassung der Dosierungen und der notwendigen Hormonersatztherapien werden von den Spezialisten des Hormon Zentrums Zürich festgelegt.

Kraniopharyngeom

Kraniopharyngeome sind gutartige Tumore, die durch eine Fehlbildung von embryonalem Restgewebe im Bereich der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) entstehen. Oft finden sich in der Bildgebung typische Zysten als Hinweis auf ein Kraniopharyngeom.

Kraniopharyngeome bilden selber keine Hormone, bei einer Raumforderung können sie aber zu Ausfallserscheinungen der Hypophyse führen, oder zu einem Gesichtsfeldausfall beim Drücken auf den Sehnerv.

Bei grösserer Ausdehnung mit Beschwerden wird das Kraniopharyngeom operativ entfernt. Eine medikamentöse Behandlung ist nicht möglich.